Als Cyborg wiedergeboren?

„Spinner wäre das falsche Wort“, beantwortet Patrick Burgermeister die offensichtliche Frage. „Aber man muss eine Person sein, die gerne in die Zukunft schaut“. Der Molekularbiologe aus Basel setzt sich dafür ein, dass man sich irgendwann auch in der Schweiz einfrieren lassen kann. Ein Gespräch über Visionen, Roboter und den Tod.

Im Rahmen meiner Diplomarbeit treffe ich mich mehrmals mit Burgermeister. Meistens in seinem Büro in Basel. Einmal in einem Gartencafé. Sein Thema, die Kryonik. Also die Kältekonservierung eines Körpers, nach dessen Ableben. In der Hoffnung, irgendwann wiederbelet zu werden.

Die Gespräche pendeln zwischen Science Fiction und der immer gleichen Frage: Warum? Warum setzt man sich dafür ein, vielleicht irgendwann aufgetaut und wiederbelebt zu werden? Die Antwort des Molekularbiologen ist eine Gegenfrage: „Was ist die Alternative, wenn ich nicht eingefroren werde? Dann bin ich zu 100 Prozent tot.“ Seine schlimmste Vorstellung wäre, bei einem Flugzeugunglück ums Leben zu kommen. „Dann hätte ich keine Möglichkeit mehr, mich einfrieren zu lassen.“

Im Moment spart er darauf, sich nach seinem Tod kryonisieren zu lassen. Und hat vor knapp drei Jahren den Verein Cryosuisse gegründet. Auf dessen Website steht:

CryoSuisse, die Schweizerische Gesellschaft für Kryonik, tritt für die Förderung, weitere Entwicklung und praktische Anwendung der Kryonik ein – um möglichst vielen Menschen die Chance zu geben, ihr Leben in der Zukunft fortzusetzen.

Als ich mich ein weiteres Mal mit Burgermeister treffe, um ihn für meine Diplomarbeit zu interviewen, hat er seine Haare wachsen lassen. Da er am Wochenende auf eine Sherlock Holmes-Convention in London geht. Und die langen Haare besser zu seinem Outfit passen. In andere Welten und Situationen eintauchen, das passt zu Kryonikern. „Ja, die meisten sind Science Fiction Fans“, erklärt Burgermeister. „Und Personen aus dem IT-Bereich.“

Der Kryoniker Patrick Burgermeister im Interview

Wir setzen uns in ein kleines, steriles Sitzungszimmer und beginnen unser Gespräch.

Herr Burgermeister, Sie haben vor 2,5 Jahren den Verein Cryosuisse gegründet, bei dem Sie auch Präsident sind. Wieso haben Sie das gemacht?

Die Idee war vor allem: „Jemand muss das machen. Sonst fängt es nie an in der Schweiz.“ Es war eine kleine Pioniertat. Ursprünglich habe ich vermutet, dass es schon bald Leute gibt, die diese Idee weiterentwickeln werden. Aber bis jetzt hat sich niemand aufgedrängt, dies zu übernehmen.

Wann war für Sie der Moment, als Sie gemerkt haben: Kryonik ist mehr als nur eine Spinnerei?

Das war für mich von Anfang an klar. Dass diese Technologie eine Zeitfrage ist und der technologische Fortschritt es immer mehr ermöglicht, Sachen zu rekonstruieren.

Wieso sind Sie sich da so sicher?

Für einen Wissenschaftler ist „sicher“ nie etwas, das 100 Prozent bedeutet. Aber wenn man einer Technologie genugt Zeit einräumt, sollte sie fast alles, was nicht physikalischen Gesetzen entspricht, möglich machen können. Wir haben in den letzten 80 Jahren deutlich mehr Fortschritt gesehen als in den letzten 800 Jahren.

Welche Teile des menschlichen Körpers braucht es, um jemanden wiederzubeleben?

Im Extremfall ist das nur das Hirn. Der Sitz aller Erinnerungen, Gefühlen und der Persönlichkeit. Es wäre dann auch durchaus vorstellbar, das Hirn in einen nicht biologischen Körper wieder einzusetzen.

Bin ich denn noch ich selber, wenn ich wieder aufgetaut werde?

Erinnerungen sind gespeichert in Nervenverbindungen, in Proteinen und anderen Strukturen. Von dem her müsste das genau die gleiche Person sein, die wieder aufgeweckt wird. Man kann es sich vorstellen, wie ein langer Schlaf. Man ist unbewusst, man ist weg. Aber sobald man aufwacht, ist man die gleich Person, wie die, die eingeschlafen ist.

Angenommen, man würde nur das Hirn einfrieren und dieses dann in einen, wie Sie gesagt haben, nicht biologischen Körper einsetzen. Wären wir dann Roboter?

Roboter wär ein rein mechanisches Wesen. Wir reden hier von Cyborgs, die teilweise biologisch sind, teilweise Roboter.

Aber warum will man sich das antun?

Der tiefe Trieb des Menschen ist es, dem Tod auszuweichen. Wenn ein Auto auf einem zufährt, dann springt man auch zur Seite. Und so ist es mit der Kryonik auch. Viele Menschen verdrängen den Tod, wenn sie jung sind und akzeptieren ihn, sobald sie alt sind. Kryonik bietet hier eine dritte Möglichkeit. Einen Ausweg sozusagen.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Nein. Ich behaupte jetzt mal, vielleicht sogar weniger als andere. Weil ich sage, das ist am Schluss eine letzte Wette mit dem Leben. Wenn sie nicht aufgeht, bin ich eh tot. Aber falls es klappen sollte, hätte ich eine Chance weiterzuleben.

Das Ganze ist aber natürlich auch eine Frage der Finanzen?

Wenn man sich sehr spät für die Kryonisierung entscheidet, wird es teuer. Das stimmt. Man kann das Ganze jedoch schon früh über eine Lebensversicherung finanzieren. Somit sind das jährlich relativ überschaubare Beträge.

Die Kältekonservierung kostet um die 200’000 Franken. Sparen Sie bereits darauf?

Ich bin am Sparen, habe aber noch keinen Vertrag mit einem der zwei etablierten Kryonik-Institute in den USA. Mein Ziel ist es, in der Schweiz eine Alternative aufzubauen. Damit sich Leute auch hier einfrieren lassen können. Wir vom Verein Cryosuisse sind nun auf der Suche nach einer passenden Lagerstätte. Da denke ich vor allem auch an ehemalige Armeeeinrichtungen. Beispielsweise ein Bunker, der nicht mehr gebraucht wird. Da legen wir uns noch nicht fest.

Wie sieht es rechtlich aus? Bis jetzt gibt es, wie gesagt, zwei Kryonik-Institute in den USA und eines in Russland. In Europa aber noch keines.

Wie immer in Europa ist das von Land zu Land verschieden geregelt. Und in der Schweiz gar nicht. Es ist nicht verboten, jedoch rechtlich gesehen eine Grauzone.

Wer sagt mir eigentlich, dass ich nicht einfach aufgetaut und weggeworfen werde, sobald meine Freunde und Familie gestorben sind? Die 200’000 Franken hätte ich dann bereits bezahlt und niemand würde mich vermissen.

Die Kryonik-Institutionen, die es bereits gibt, sind alles Non-Profit Organisationen. Dabei wird kein Geld verdient, sondern es wird als Dienstleistung angesehen für Leute, die ihren Körper gerne einfrieren lassen würden.

Sprechen wir über den Prozess des Einfrierens. Wie funktioniert das?

Es muss schnell gehen, nachdem jemand für Herz- und Hirntod erkärt wurde. Am besten in den ersten paar Minuten. Als erstes wird ein Zugang zum Blutkreislauf hergestellt. Und dieser am Laufen gehalten, damit weiterhin das Hirn durchblutet wird. Das ist wie eine Pumpe, die auf dem Brustkorb dafür sorgt, dass das Blut weiter zirkuliert. Danach wir das Blut durch eine Lösung ersetzt, die keine Eiskristalle bilden kann. Wasser hat die unangenehme Eigenschaft, dass es an Volumen gewinnt, sobald es gefriert. Und da Blut aus einem grossen Teil aus Wasser besteht, würde das bei allen Organen Schäden verursachen. Und wenn man das Blut ersetzt, kann man verhindern, dass die Eiskristalle sich bilden. Man nennt das auch „Verglasung“.

Also einfach gesagt: Man füllt eine Art Frostschutzmittel in die Blutbahnen?

Das kann man Frost-Schutzmittel nennen, ja. Danach geht es mehre Stunden, bis man den Körper auf minus 196 Grad heruntergekühlt hat. Und dann in flüssigem Stickstoff lagern kann.

Angenommen, man würde in der Zukunft wieder „aufwachen“. Wie käme man in dieser neuen Welt zurecht?

Ich könnte mir vorstellen, dass man da wie eine Art Kurs besucht. In dem man lernt, was in den letzten, was weiss ich, sagen wir 50 Jahren passiert ist. Aber das ist alles noch so weit in der Zukunft, dass ich keine Ahnung habe, wie es da aussehen wird.

Aber Ihnen ist bewusst, dass das alles auch einen Schuss in den Ofen sein kann und es nie möglich sein wird, jemanden aufzutauen und wiederzubeleben?

Das werde ich wohl nie erfahren.

 

 

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