Vom Rechtspopulist zum Flüchtlingshelfer

Deutschland erlebt einen Rechtsrutsch. Dies zeigt der Ausgang der Bundestagswahl. Der deutsche Michael Beyerlein war früher selbst rechtsradikal und hat gegen Ausländer gehetzt. Heute kümmert er sich um Flüchtlinge und macht sich grosse Sorgen um die Entwicklungen in Deutschland.

«Ich war früher in der rechten Partei ‹Die Republikaner›, die bekannt ist für ihre Fremdenfeindlichkeit», sagt Michael Beyerlein. Dabei betont er das Wort früher. Denn heute hat der 59-Jährige nichts mehr mit der rechtsextremen Szene am Hut: «Wenn ich heute daran denke, wird mir klar, dass ich von frühester Kindheit durch meinen Vater beeinflusst wurde. Er war ein Judenhasser und hat vom Führer geschwärmt. Auch die anderen in meiner Familie dachten so. Diese Beeinflussung durch die Familie und die fehlende Zuneigung hat mich schliesslich in die rechte Szene gebracht.»

Das Ganze Interview mit Michael Beyerlein aus der Gesellschaftssendung „Gott und d’Welt“. 
 

«Ich konnte den Flüchtlingen nicht länger böse sein»

Es seien rechte Gruppierungen gewesen, die ihn aufnahmen, die ihm sagten er sei einer von ihnen. «Es war das Gefühl von Zugehörigkeit. Ich wusste auf einmal, wer ich bin.»

Das alles änderte sich mit einem Besuch eines guten Freundes in Kanada. Auf dieser Reise lernte er per Zufall einen kanadischen Missionar kennen. Bei einem langen Spaziergang kamen die beiden ins Gespräch. «Ich war eigentlich gar nicht interessiert, aber der Missionar begann von Jesus zu erzählen. Nicht in der gewohnten sachlichen Manier, sondern voller Freude, Liebe und Leidenschaft.»

Als ‹Republikaner› hat Beyerlein die Flüchtlinge nicht gehasst, dennoch war er sehr abgeneigt und wollte sie nicht im Land haben. «Der Missionar nahm mich eines Tages mit in ein Flüchtlingsheim. Da merkte ich, dass mich die Menschen gern haben. Die haben alles geteilt mit mir. Ich konnte ihnen nicht mehr länger böse sein. Sie waren genau das Gegenteil davon, was mir mein Vater immer erzählt hat.»

«Wir wollten uns alle besaufen»

Der Glaube zu Gott und diese Erfahrung führten schliesslich dazu, dass er sich heute in verschiedenen Kirchen in Deutschland um Asyl- und Integrationsfragen kümmert. Er ist verheiratet mit einer Afrikanerin und macht sich grosse Sorgen um die Entwicklungen in Deutschland. «Mein erster Gedanke nach der Bundestagswahl war: ‹Scheisse, das kann nicht sein›». Die Ergebnisse mit der AfD als grosse Gewinnerin hätten ihn schockiert: «Ich habe mit Freunden übers Internet gechattet und wir wollten uns eigentlich alle besaufen, denn nüchtern konnten wir das nicht anschauen.»

 

«Es wird bald den ersten Toten geben»

Das mit dem Trinken liess er bleiben, er trinke nicht gerne Alkohol. Die Sorgen aber blieben: «Früher hätte ich mich über dieses Wahlresultat gefreut, heute macht es mir Angst.» Angst hat Michael Beyerlein vor allem vor dem Rechtsrutsch in der Politik, aber auch teilweise schon in der Kirche: «Auch gläubige Menschen rutschen immer mehr nach rechts. Ich habe Angst, dass die Liebe immer mehr verkeilt. Für mich gilt das Gebot der Nächstenliebe und ich habe Angst, dass für viele das Wort der Rechtsextremen wichtiger wird als das Wort Gottes.»

Das sich die Situation in Deutschland bald verändert, daran glaubt Michael Beyerlein nicht mehr: «Ich glaube, es wird irgendwann passieren, dass Helfer, die mit Flüchtlingen arbeiten getötet werden. Es wird bald den ersten Toten geben.» Erst wenn etwas derartiges passiere, würden die Menschen ihre Meinung vielleicht ändern. «Wenn ein Flüchtling einfach ‹entsorgt› wird, macht keiner etwas dagegen. Die Leute haben vergessen, was im zweiten Weltkrieg passiert ist. Da kriege ich Angst.»

«Uns geht es viel zu gut»

Manchmal schäme er sich auch für Deutschland. Er sei oft in Afrika, da seine Frau Afrikanerin ist, und dort werde mit Flüchtlingen ganz anders umgegangen: «Ich muss nur noch vier Jahre arbeiten, dann gehe ich nach Afrika.»

Schuld an der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland und Europa seien nicht zuletzt die Medien: «Es ist die Aufgabe der Medien, die Angst vor Fremden zu nehmen. Was die Medien aber tun, ist es, Einzelfälle heraus zu picken und sie als Allgemeinheit darzustellen.» Dies sei als stelle man Fussballfans generell als gewalttätig dar, obwohl an einem Match nur einer durchgedreht ist.

«Früher habe ich den Medien alles geglaubt und selber Artikel geschrieben und düstere Prognosen aufgestellt. Die Sachen waren häufig aus der Luft gegriffen. Uns geht es allen viel zu gut, sodass wir die Realität und die Wahrheit nicht sehen wollen.» Der Glaube, dass sich Deutschland wieder lieb hat, fehlt dem 59-Jährigen immer mehr: «Ich bin nicht optimistisch, aber ich werde mein Möglichstes tun.»

 

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