Frozen Dead Guy Days – Ein Besuch beim verrücktesten Festival der Welt

„Das gibt es wirklich?“, waren meine Worte, als ich das erste Mal davon hörte. Ein Festival zu Ehren eines toten, gefrorenen Typen. Natürlich in Amerika. Frozen Dead Guy Days. Ich musste dahin. Zumal es dabei ja auch um mein Kernthema, die Kryonik geht. Irgendwie. Ein Erlebnisbericht.

Mit einem dumpfen «Plopp» landet der gut ein Meter grosse, gefrorene Lachs auf dem leicht schneebedeckten und angefrorenen Boden. Begleitet wird das Geräusch des Aufpralls durch eine johlende Menge, die zuvor die Flugbahn des Fisches gebannt verfolgt hat. Eine Frau mit Messband löst sich aus der Menge. In der anderen Hand zieht sie eine bunte Wanne an einer Schnur hinter sich her. Die Farbe der Wanne sieht aus, als hätte ein Maler etliche seiner Farbkübel darüber ausgeleert. Und irgendwie passt sie nicht in diese karge, kühle Bergwelt mit dem leichten Schneetreiben. Auf der anderen Seite ist die Farbe der Wanne noch etwas vom Normaleren an diesem Wochenende.
«twenty-four point seven feet», schreit die Wannenfrau, als sie das Messband neben dem Lachs platziert. Gut sieben Meter weit wurde er geschleudert. Die Menge applaudiert, dem Werfer wird auf die Schulter geklopft, der neutrale Zuschauer fragt sich, was hier gerade vor sich geht.

Ein Städtchen wird zum Tollhaus

Willkommen zu den «Frozen Dead Guy Days» in den Bergen von Colorado, Amerika. Willkommen zu drei Tagen Kultur, Klamauk und Kopfschütteln. Denn es werden bei Weitem nicht nur gefrorene Lachse durch die Gegend geworfen. Genau so kann man sich im Truthahn-Bowling versuchen oder beim Sargrennen mitmachen.
Aber der Reihe nach. Die «Frozen Dead Guy Days» sind ein Festival in Nederland, Colorado. Einem 1500-Seelenstädtchen, das die perfekte Kulisse für einen Westernfilm liefern würde. Inklusive dem «Saloon»-Schild, das auf ein einstöckiges, mit dunkelroten Schindeln versehenes Haus an der 1st Street zeigt. Der Bahnhofsstrasse des Ortes sozusagen. Nederland liegt, umgeben von sanften Hügeln, an den Ausläufern des Barker Reservoir Sees, 2500 Meter über Meer, eine gute Autostunde nordwestlich von Denver. Die Stimmung: idyllisch, malerisch, friedlich. Was nicht daran liegt, dass Marihuana in Colorado legal ist, sondern daran, dass der Sheriff des Örtchens höchst wahrscheinlich mit der Hälfte der Bewohner verwandt ist.
Und einmal im Jahr hat der Sheriff auch wirklich etwas zu tun. Dann nämlich, wenn für drei Tage im März das zehnfache der Bewohner, als gut 20’000 Leute nach Nederland strömen, um den «Frozen Dead Guy Days» beizuwohnen. Wie der Name schon sagt, wird dieses Festival zu Ehren eines gefrorenen, toten Typen organisiert. Grandpa Bredo, wie man ihn nennt. Aber nochmals der Reihe nach.

Die unglaubliche Geschichte des Bredo Morstoel

Grandpa Bredo Morstoel kommt ursprünglich aus Norwegen, wo er 1989 starb und in Trockeneis konserviert wurde. Mit dem Ziel, ihn eines Tages, wenn die Wissenschaft das nötige Wissen schafft, wieder aufzutauen und zum Leben zu erwecken. Dieser Vorgang ist unter dem Fachbegriff Kryonik bekannt. Und dank der Kryonik begab sich Grandpa Bredo auf seine grosse Reise. Da es erst in Amerika und Russland Institutionen gibt, in denen man seinen Körper professionell einfrieren und konservieren kann, lag Bredo zunächst vier Jahre lang in einem Institut in Oakland, Kalifornien. Bevor er dann nach Colorado verlegt wurde, wo seine Tochter und sein Enkel lebten. Beides grosse Befürworter der Kryonik und beide mit dem Ziel, auch in Colorado ein Kryonik-Institut zu gründen. Bis es soweit sein sollte, lag Grandpa Bredo, immer noch verpackt in Trockeneis, in einer kleinen Hütte in Nederland. Unmittelbar neben dem Haus seines Enkels Tryvge. Blöderweise wurde sein Enkel Mitte der 90er-Jahre des Landes verwiesen, da es Unstimmigkeiten mit seinem Visum gab. Und so kümmerte sich fortan Tochter Aud um ihren gefrorenen Vater. Was aber auch zu scheitern drohte, da in den Gesetzen von Nederland steht, dass man keine gefrorenen Körper bei sich zuhause aufbewahren darf (wieso auch immer es dieses Gesetz gibt). Und so wendete sich Aud an einen lokalen Reporter, der die Geschichte publik und auf der ganzen Welt bekannt machte. Die Gesetze in Nederland wurden geändert und seit 2002 gibt es zu Ehren von Grandpa Bredo die «Frozen Dead Guy Days». Ein dreitägiges Festival, bei dem sich alles um die Themen Eis und Tod dreht. 100 Prozent amerikanisch, 100 Prozent absurd, 100 Prozent sehenswert.

Freitagnachmittag. Wir lassen Denver hinter uns und schlängeln uns mit dem Auto die kurvige Strasse Richtung Nederland hoch. Links und rechts der Strasse Felsen und Bäume, als hätte ein Bach in jahrhundertelanger Arbeit die Strasse persönlich ausgewaschen. Die Tannen sind mächtig und von einem dunkelgrün, als hätten bereits zig jugendliche einen Snapchat-Filter darübergelegt. Käme auf einmal ein bärtiger Holzfäller in einem schwarzrot karierten Hemd hinter einer Tanne hervor, es würde einem nicht wundern. Selbst dann nicht, wenn er mit blossen Händen mit einem Bären kämpfen würde. Aber keine Spur von Bart und Bär, nur die imposante Umgebung und neben mir im Auto meine Cousine. Sie brachte mich auf die Idee, über die «Frozen Dead Guy Days» zu berichten, da ihr Sohn in Nederland wohnt und vom Spektakel geschwärmt hat. Er sollte Recht behalten.

Es geht los

Den ersten Tropfen Verrücktheit des Wochenendes erleben wir bereits, als wir in unserer Lodge einchecken. Etwas oberhalb des Örtchens. Eine lang gezogene Blockhütte inmitten der Natur. Mit hellblauen Lippen kommt unsere Zimmernachbarin auf uns zu und drischt zuerst einmal die obligaten, amerikanischen Phrasen: «fabulous», «breathtaking», «unbelievable». Zu allem und jedem. Die Lippen hätte sie sich mit blauem Lidschatten angemalt, dass es so aussieht, als seien sie gefroren. Schliesslich wolle man ja eine Falle machen, bei den «Frozen Dead Guy Days». Auch wenn nur ein wenig angefroren, anstatt grad komplett konserviert in einem Sarg. Und man merkt schnell, auch wenn der Tod an diesem Festival das bestimmende Thema ist, wird kein Gedanke daran verschwendet. So sagt mir Amanda MacDonald, seit neun Jahren Organisatorin der FDGD: «Es ist das Leben, das wir hier feiern. Die Leute wollen einfach eine gute Zeit und Spass haben.» Man könnte wohl auch zu Ehren eins halb aufgegessenen Joghurts ein Festival organisieren. Wenn die Geschichte stimmt und die Amerikaner sich in Kostüme werfen können, dann sind sie dabei. Man kann es kopflosen Kult nennen. Ich finde es bewundernswert, mit welcher Begeisterung diese Leute Möglichkeiten finden, gemeinsam eine grossartige Zeit zu haben. Und so stürzen wir uns ein Wochenende lang in einen Mix aus Fasnacht, Street Parade und Halloween.

Freitagabend. Wir betreten das weisse Festzelt am Rande von Nederland und ich fühle mich wie früher. Als wir beim Grümpelturnier jeweils am Abend feiern gehen durften. Mit einer Tube Gel im Haar und einer Dose Axe unter den Achseln. Nur dass in diesem Zelt nicht die bekannten Dorfalkoholiker auf einen zutorkeln, sondern eine Horde „gefrorener Zombies“.

Voilà.

Es geht nicht lange und auch wir haben uns in respektable „Frozen Dead Guy Days“ Besucher verwandelt. Die Dame, die uns die Schminke ins Gesicht schmiert ist laut, schrill und genau am richtigen Ort.

Gruslig, oder? Die Dame links ist übrigens meine Cousine, nicht die Visagistin

So beginnen die Frozen Dead Guy Days. Mit einem Kostümwettbewerb, Tanz und Konzerten. Der Tod ist das bestimmende Thema. Aber die Lebenden lachen ihm ins Gesicht. Hat das überhaupt irgendetwas mit Kryonik zu tun? Ist den verkleideten Zombies, Supermarios und Prinzessinnen bewusst, was das bedeutet?

Die Antwort lautet: Ja, es ist ihnen bewusst. Aber egal. 

Samstagmorgen. Was da meine Kehle runterfliesst hat in etwa so viel mit heissem Kakao zu tun, wie ein Gouda mit Schweizer Käse. Aber die Pfadfinder, die ihn am Strassenrand verkaufen, strahlen. Und schütten eifrig heisses Wasser nach. Naja…gibt immerhin warm. Schliesslich ist es knapp über 0 Grad. Leichter Schneefall. Die Strassen Nederlands füllen sich langsam. Die meisten Besucher reisen erst am Samstag-Morgen an. Ich schlendere durch das idyllische Städtchen und treffe auf Michael Vestito. Er ist schon zum sechsten Mal am Festival und hat am Abend zuvor den Kostümwettbewerb gewonnen. Auf die Frage, ob er sich denn selber einfrieren lassen würde, meint er nur: „Ich hatte bereits ein langes Leben und bin recht zufrieden damit. Diesen Kostümwettbewerb zu gewinnen war immer ein Traum, der jetzt in Erfüllung gegangen ist. Von daher sage ich: Sollte meine Zeit gekommen sein, dann ist es so. Ich denke nicht, dass ich mich einfrieren lasse.“

 Kurz gesagt: Ein Kostümwettbewerb zu gewinnen ist in seinem Fall wichtiger, als (eventuell) das ewige Leben anzupeilen. Und auch wenn man die anderen Besucher am Festival danach fragt, bekommt man oft die gleiche Antwort. „Nein, ich glaube nicht.“ „Will man überhaupt auf diese Welt zurückkommen?“ oder „Mir reicht das Leben, das ich im Moment habe.“

Sogar Amanda MacDonald, Festivalleiterin der Frozen Dead Guy Days hat nicht viel mit Kryonik am Hut. Sie meint: „Hier wird mehr das Leben gefeiert, anstatt den Tod. An einem der ersten Festivals waren Leute dabei, die sich mit Kryonik beschäftigen. Die waren mir aber zu ernst.“ Und so stürzt man sich lieber ein Wochendende lang in Eiswasser, trägt Särge durch einen Parkour oder wirft gefrorene Lachse durch die Gegend (siehe Video oben).

„Plopp“ – „twenty-four-point-nine feet“. Wir haben einen Gewinner.

 

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